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Mittwoch, 20. April 2011

Tatort Bochum
Katerfrühstück auf Zeche Hannover und Bankraub in Hamme

Revierkrimi-Sammlung bringt neue Bochum-Krimis

Sein Name ist Horst Simancjec. »Ich bin 63 Jahre alt, frühpensioniert, zuletzt auf Kokerei Kaiserstuhl III«, stellt sich der Held von Nina Georges Bochum-Krimi »Als Herr Simancjec einmal tot war«. Und weiter: »Ich bin dann mit meiner Gitte weg aus Dortmund, rüber nach Bochum-Hamme, in die Berggate. Das ist direkt am Ruhrschleichweg, der rauscht da gleich bei uns hinterm Haus vorbei.«
Es ist eine tragikomische Krimiballade, die die soeben mit dem Delia-Preis ausgezeichnete Autorin erzählt: nach einem Bankraub in Bochum-Hamme wird für Horst Simancjec der Ruhrschnellweg zur romantischen Fluchtroute. Lakonisch-komisch serviert dagegen Martin Schüller sein »Katerfrühstück« auf der Zeche Hannover. Die Höntroper Krimi-Newcomerin Sonja Ullrich steuert mit »Eine Urne für Breslau« einen echten Wattenscheid-Krimi zur neuen Revierkrimi-Sammlung »Schicht im Schacht« bei.

Die Anthologie vereinigt zwei Dutzend spannende, unterhaltsame und gelegentlich auch skurril-komische Kriminalgeschichten von ausgewiesenen Profis. Anfangen von Krimi-Meistern wie Ralf Kramp, Anne Chaplet und Jörg Juretzka bis hin zu Arnd Federspiel und Sonja Ullrich, den aktuellen Geheimtipps des Revierkrimis geben sich hier alle Autoren und Autorinnen ein Stelldichein, die nicht nur in der Revierkrimi-Szene etwas zu sagen haben.

Angeheuert wurden sie für die »Schicht im Schacht« von Herausgeber H.P. Karr. »Wenn nichts mehr geht, dann ist 'Schicht im Schacht'«, erklärt Krimi-Fachmann H.P. Karr, der schon im vergangenen Jahr eine erfolgreiche Revierkrimi-Sammlung veröffentlichte. »In den neuen Kurzkrimis gibt es noch mehr Spannung und noch mehr Lokalkolorit und Anspielungen auf Reviertypisches.« Wie etwa eine Leiche im Höntroper Stadtpark oder die Goldbach-Afffäre in den Achtzigern. "Das sind alles Krimis, die nur hier im Revier spielen können!", meint Karr.
Unter dem Motto »Maloche, Macker und Moneten« bietet "Schicht im Schacht" Mordgeschichten von hart bis zart, und natürlich auch mit  dem revier-typischen Humor, der den Ruhrgebietskrimi so populär gemacht hat.

Freitag, 18. März 2011

Martin Schüller
Katerfrühstück

Tatort: Bochum

»Verdammt, warum stehen die Gläser hier noch rum?«, blaffte Marcus Wüst, als er die Kochschule im Gebäude der ehemaligen Zeche Hannover betrat. Sie waren hier vielleicht etwas weitab vom Schuss im Bochumer Norden, aber die Nähe zum Westfälischen Landesmuseum für Industriekultur garantierte ein gewisses Niveau.


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Es war bereits später Nachmittag und Vivian, seine Assistentin, war noch dabei, die Tafel einzudecken. Dabei hätte sie längst schon mit der Vorbereitung des Gemüses anfangen sollen.
Vivian Schneider eilte herbei, und begann, die Paletten mit den leeren Einweckgläsern in den Lagerraum zu tragen. Er würde später seinen berühmten Lammfond darin abfüllen, ohne den kaum ein Teilnehmer seiner Kochseminare nach Hause ging. Dass der Fond zu neunzig Prozent aus der Dose kam, hatte noch keiner bemerkt. Die Gewinnspanne war fantastisch.
Er sah sich unzufrieden um.
Das Edelstahl der Backöfen, Töpfe und Dampfgarer blinkte. Die schwarzen Flächen der Induktionsherde schimmerten streifenfrei. Die aufgearbeiteten Backsteinwände sorgten für rustikal-nostalgische Atmosphäre. Für die Umnutzung des Industriedenkmals hatte es eine gesunde Finanzspritze vom Land gegeben, so dass ihn der Umbau kaum einen Cent gekostet hatte.
Es gab eigentlich keinen Grund, unzufrieden zu sein, aber Marcus Wüst war von Natur aus unzufrieden.
Zwölf Leute würde die Gruppe heute Abend umfassen. Zwölf der üblichen Banausen, denen er an einem Abend die Grundlagen des guten Kochens beibringen sollte.
Immerhin bezahlten sie dafür. Und nicht zu knapp. Er lächelte höhnisch.
Vivian hatte die Gläser ins Lager geräumt und trug nun ein Tablett mit Tellern herein. Sie schien sich gefangen zu haben. Die letzten Wochen war sie am Boden zerstört gewesen, weil Groucho, ihr Kater gestorben war. Sie hatte ihn nach langem Suchen auf dem Platz vor dem Schauspielhaus gefunden. Ohne äußere Verletzungen, aber mausetot.
Er hatte Mitleid geheuchelt, so gut es ging, und heucheln konnte er ziemlich gut. Das musste er auch, denn schließlich hatte er das Tier auf dem Gewissen.
Eine Katze, mausetot – Wüst grinste böse in sich hinein. ...
weiter in: Schicht im Schacht
andere kulinarische Stories:
René Zey: Pommes blut-weiß
Uwe Voehl: Frühstück bei Marilyn

Der Autor: Martin Schüller, geboren 1960 in Haan, lebt in Köln und hat als Nachttaxifahrer die Vorder- und Rückansichten der Stadt erkundet. Sein Debüt als Krimi-Autor lieferte er mit dem Roman »Jazz«, seine Beziehung zur Musik spiegelt sich auch in »King«. Zuletzt erschienen von ihm die Oberbayern-Krimis »Tod in Garmisch« und »Die Seherin von Garmisch«.

Donnerstag, 17. März 2011

Peter Schmidt
Eine Liebe unter Tage

Tatort: Gelsenkirchen

Ich legte meinen Unterarm um den Hals der jungen Frau, umfasste mit der linken Hand ihre Brust und beugte mich ruckartig vor, um ihren Körper in die Knie zu zwingen. Sie schrie auf, als habe man ihr das Genick gebrochen … ihre Arme hingen plötzlich leblos herab und ihr Kinn lag kraftlos auf meinem Arm …
Ich zog sie zum Eingang des Schuppens, der sich unterhalb des Förderturms befand.
Seitdem die meisten Schächte verfüllt worden waren, gab es nur noch die Einfahrt über ein paar alte Tagesschächte, hauptsächlich, um Grubenwasser abzupumpen. Man muss sich das Revier als einen unterirdischen See von der Größe des Bodensees vorstellen. Der schmale Schacht im Schuppen an der Rückseite des Wiesengeländes war neuerer Bauart und diente zur Kontrolle der Pumpen.
»Was ist los?«, fragte ich. »Ohnmächtig geworden?«
»Arschloch … was soll das? Wo bringst du mich hin?«
»Na also, geht ja schon wieder.«
Zwischen dem Zechenhaus und den Pappeln am Rand des Gartens tauchte der Wagen eines Paketdienstes auf. Der Fahrer stieg aus und überquerte die Straße, einen Karton unter dem Arm.
»Erwarten Sie Post?«
Sie gab keine Antwort. Ich wusste, dass sie allein im Haus lebte. Der Bote würde wieder verschwinden, wenn niemand öffnete.
»Setzen Sie sich – nein, nicht ans Fenster, auf den Stuhl an der Wand.«
Ich ließ sie los, und sie tat, was ich sagte. Sie hatte ein hübsches Gesicht, wenn auch etwas blass und gereizt, und in ihrem aufgesteckten braunen Haar, das mit einem Hornkamm aufgesteckt war, glänzte eine dunkle Schleife.
»Haben Sie keine Bekannten in der Nachbarschaft?«
»Geht Sie das was an?«
»Oh, inzwischen geht mich das eine Menge an. Sie haben mich beobachtet? Einmal sogar mit einem Fernglas von ihrem Schlafzimmerfenster aus. Und als Sie merkten, dass ich's mitbekommen hatte, gingen Sie in Deckung …«
Wir befanden auf der Hofseite, aber ich konnte durch den Ausschnitt zwischen den Pappeln sehen, wie der Kurierfahrer zurückkam, das Paket auf den Beifahrersitz warf und wegfuhr.
Ihr Haus sah aus wie eines dieser alten Zechenhäuser, denen man einen pinkfarbenen Anstrich verpasst hatte, um sie jünger wirken zu lassen, doch die schmalen Fenster im Parterre mit Quergittern und das Walmdach mit seinem charakteristischen Giebel und den halbmondförmigen Fenstern stammten aus derselben Zeit, in der die Zeche erbaut worden war.
»Was treiben Sie hier eigentlich?«, fragte sie. »Schacht Oberschuir ist doch schon seit 1984 verfüllt.«
»Als Wetterschacht, ja. Sie kennen sich aber gut aus?«
»Mein Großvater war Bergmann.«
»Und Sie leben hier allein, Julia, hab ich recht?«
weiter in Schicht im Schacht
andere Bergbau-Geschichte:
Roger M. Fiedler: Die kleine Pest von Wanne-Eickel
Nina George: On The Road to Hell oder: Als Herr Simancjec einmal tot war

Der Autor: Peter Schmidt, geboren 1944 in Gescher, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Er gehört mit seinen zahlreichen Thrillern in die erste Garde der deutschen Agenten- und Polit-Thrillerautoren. In den Jahren 1986 1987 und 1991 erhielt er den Deutschen Krimipreis. 1994 verlieh man ihm in Anerkennung seines bisherigen Werkes den Literaturpreis Ruhr. Zuletzt erschien von ihm der Thriller »Endorphase-X« (2010)

Freitag, 18. Februar 2011

Ralf Kramp
Nachts im Museum

Tatort: Essen, Zeche Zollverein

»Äänz, ich hab mir dat getz lange genuch überlecht.« Die alte Frau mit den strähnigen grauen Löckchen fummelte an ihrem Mantelkragen herum und räusperte sich. »Dat is dir sicher nich recht, un trotzdem sach ich et dir, weil ich numma ährlich sein will.«
Lieselotte Wachowski wrang ihre Handschuhe wie einen Putzlappen. Das Thema war ihr unangenehm, und trotzdem kam sie nicht drum herum. Es musste raus. »Weißte noch, wie wir damals auf Friedhelm sein Vierzichsten auffe Zeche waan? Weißte noch, wie du dich geärgert has, als de dat da gesehn has? Ich weiß noch ganz genau, wat du gesacht has, am Abend, als wir nach Hause gekommen sind. Dat war nich einer von deine Wutanfälle, wo du immer so krawuttig geworden bis. Dat war dein Äänz, Äänz!«
In der übernächsten Reihe wandte sich jemand um und guckte neugierig herüber. Etwas leiser zischte sie: »Ich mach dat. Un wennze dich aum Kopp stellz, du sturen Hund. Meinz wohl, ich trau mich nich, wat? Ich mach dat, Äänz, hasse gehört? Ich mach dat! Heute Nacht!«
In diesem Moment erreichte Tilde Drewniak mit schlurfenden Schritten das Grab ihres Mannes gleich nebenan, bückte sich ächzend, um eine neue Kerze in die Leuchte zu stellen und sagte obenhin: »Is wohl wieder  ’n bissken maulfaul, dein Ernst, wa?«
»Kümmer dich um dein Kram, Tilde.« Lieselotte zupfte möglichst unverfänglich am Kotoneaster herum und wischte mit einem Tempotuch über die metallenen Buchstaben auf dem Grabstein.
Leise wisperte sie: »Guck nich so zu dat Tilde rüber, Äänz. Von da unten kannze ja bei der bis zum Nordpol raufkucken.«
Dann richtete sie sich wieder auf, hob ihre Handtasche auf, die bis jetzt zwischen ihren Füßen geruht hatte und öffnete sie. Vorsichtig, so dass Tilde nichts mitbekam, griff sie hinein, ließ mit verschwörerischer Miene den oberen Teil eines sperrigen Gegenstands für einen Augenblick aus der entstandenen Öffnung lugen und hauchte: »Guck et dir nomma an, Äänz. Getz gibbet kein Zurück mehr.«

Als sie wenig später den Katernberger Friedhof durch das grüne Gittertor verließ, hielt sie einen Moment lang im Schatten der Bäume inne. Sie würde nur noch einmal kurz in ihre Wohnung im ersten Stock des zweigeschossigen Reihenhauses mit der verwaschenen Sandputzfassade in der Graudenzstraße zurückgehen. Dort war alles vorbereitet. Schon als sie am Morgen aufgestanden war, hatte sie gewusst, dass heute der Tag war, an dem es geschehen musste. Bütterken geschmiert, Eier hartgekocht … nur den Kaffee würde sie frisch aufbrühen. Sie spürte, wie ihre Aufregung wuchs, als sie über die Gehwegplatten auf ihr Haus zuwackelte.
Piontek hing auf der anderen Straßenseite über seinem Rollator und winkte herüber. »Lieschen, kommse heut Abend ma zu mir? Bissken kuscheln?«
weiter in: Schicht im Schacht
Andere Geschichten aus Essen:
René Zey: Pommes blut-weiß
Ulrich Straeter: Ene mene muh
Karr & Wehner: Essener Geschichten

Der Autor:
Ralf Kramp
, geboren 1963 in Euskirchen, lebt als Krimiautor und Veranstalter der Krimi-Erlebniswochenenden »Blutspur« in der Eifel. Für sein Debüt »Tief unterm Laub« erhielt er 1996 den Förderpreis des Eifel-Literaturfestivals. Seither verfasste er zehn weitere Kriminalromane, etwa hundert Stories und drei Kinderkrimis. Mit seiner Frau leitet er in Hillesheim das »Kriminalhaus« mit Café Sherlock und dem »Deutschen Krimi-Archiv«.