Posts mit dem Label weihnachten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label weihnachten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 17. März 2011

Herbert Knorr
Ohne Senf geht gar nix

Tatort: Hattingen
Tatzeit: Weihnachten

Eine Axt gehört in jedes Haus. Er trinkt einen Schluck Kaffee, beißt in ein Stück Stollen, blättert den Lokalteil der Zeitung auf.
Die Sieglinde ist dieses Jahr hervorragend.
Sie wirft die gepellte Kartoffel in die Schüssel mit dem kitschigen Obstdekor und dem hässlichen Sprung.
Vor zwanzig Jahren hat er ihr ein Tupper-Set geschenkt. Zu Weihnachten. Sie hat es nie genutzt.
Also, eine Axt gehört in jedes Haus, basta!
Wieso wozu warum weshalb brauchen wir eine Axt?
Deshalb!
Sie pellt und pellt und pellt und pellt.
Wir haben kein Senf im Haus.
Eine Axt, warum wir die brauchen? Zum Beispiel zu Weihnachten, also heute. Und zu anderen Gelegenheiten.
Der Stollen krümelt auf seinen Schlafanzug. Ihn stört es nicht.
Welche? Welche was? Welche anderen Gelegenheiten!?
Andere eben! Er besteht darauf, auf die Axt, er braucht sie dieses Jahr. Unbedingt.
Wir haben kein Senf im Haus. Ohne Senf geht gar nix.
Der Baum, der Baum muss eingestielt werden. Deshalb braucht er eine Axt.
Für ihn ist die Sache seit Monaten klar, seit Tagen abgemacht. Er geht sie nachher kaufen, da wird er den Senf mitbringen, vom REWE oben am alten Rathaus. Er liest eben nur noch den Sportteil. Er verbrennt sich den Mund: Scheiß Kaffee, scheiß Leben, scheiß Heiligabend.
Er will auch mal raus aus diesem Kaff, wie die Freunde, wegfahren, reisen, überwintern, auf Mallorca, Gran Canaria, Madeira, egal. Seine Knochen, denen täte das gut.
Aber sie will nicht weg aus Hattingen, sie feiert Weihnachten zuhause, Karneval in Holthausen und wieder Weihnachten daheim. Jedes Jahr. Immer wieder.
Aber es ist doch so schön. Weihnachten und so. Da kommen doch auch die Kinder.
Er kann es nicht mehr hören.
Dafür denkt er, stellt sich vor: Gran Canaria – das ist sein Traum. Die Plaza von Las Palmas. Die Kartenspieler, das Domino. Die vielen Schachbretter. 22 Grad zu Weihnachten. Die feiern Weihnachten zu den Heiligen Drei Königen. Balthasar, Melchior, wie hieß noch der Dritte? Egal, auf Kamelen ziehen sie durch die Stadt. In bunten Kostümen. Das ist toll.
Aber sie will nicht, seit fünfzehn Jahren will sie nicht. Erst Aber die Kinder, dann Und die Enkelkinder?, und jetzt Was machen wir mit Oma?
So lange ist er schon in Rente und sitzt hier. Nicht da, wo es warm ist.
Die Celina ist dieses Jahr nicht so gut. Die Sieglinde ist besser.
Sie greift sich eine weitere Kartoffel.
Wir brauchen Senf. Ein bisschen Senf muss in den Salat, und Senf für die Würstchen natürlich.
Eine Axt, ich brauche eine Axt...
weiter in: Schicht im Schacht 
andere kulinarische Stories (ohne Weihnachten):
Martin Schüller: Küche, Katze, Killer
René Zey: Pommes blut-weiß
Uwe Voehl: Frühstück bei Marilyn
© Olivier Favre
Der Autor:
Herbert Knorr
, geboren 1952 in Gelsenkirchen, studierte Germanistik und Geschichte und ist seit 1994 Leiter des Westfälischen Literaturbüros in Unna. Dort erfand er mit anderen 2002 das Krimi-Festival »Mord am Hellweg«, das inzwischen das größte Krimi-Event Europas geworden ist. Viele Veröffentlichungen und Herausgeberschaften. Als »Chris Marten« schrieb er gemeinsam mit einer Kollegin die Thriller »Hydra« (2009) und »Todespfad« (2011).

Sonntag, 13. März 2011

Tatort Hattingen
Eine Axt zu Weihnachten!

Revierkrimi-Sammlung bringt amüsanten Hattingen-Krimi

»Eine Axt gehört in jedes Haus«, sinniert der Held in der Kriminalstory »Ohne Senf geht gar nix« von Herbert Knorr. Denn eine Axt kann man immer gebrauchen: »Zum Beispiel zu Weihnachten, also heute. Und zu anderen Gelegenheiten.«
Es ist eine Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art, die Herbert Knorr zur aktuellen Revierkrimi-Sammlung »Schicht im Schacht« beigesteuert hat. Im weihnachtlichen Hattingen steigert sich die Suche nach der Axt zum mörderischen Ehedrama um verletzte Gefühle und zerstörte Träume. Denn die Ehefrau will nichts wissen von Weihnachten aus Las Palmas: »Sie will nicht weg aus Hattingen, sie feiert Weihnachten zuhause, Karneval in Holthausen und wieder Weihnachten daheim. Jedes Jahr. Immer wieder.«
Und so nimmt das Weihnachstdrama zwischen Schiller- und Eichendorffstraße seinen Lauf. Das alles erzählt Herbert Knorr mit trockenem Revier-Humor und viel Liebe zum Hattinger Lokalkolorit.

Die neue Ruhrgebietskrimi-Sammlung »Schicht im Schacht« vereinigt zwei Dutzend spannende, unterhaltsame und gelegentlich auch skurril-komische Kriminalgeschichten von ausgewiesenen Profis. Anfangen von Krimi-Meistern wie Ralf Kramp, Anne Chaplet und Jörg Juretzka bis hin zu Arnd Federspiel und Sonja Ullrich, den aktuellen Geheimtipps des Revierkrimis geben sich hier alle Autoren und Autorinnen ein Stelldichein, die nicht nur in der Revierkrimi-Szene etwas zu sagen haben.

Angeheuert wurden sie für die »Schicht im Schacht« von Herausgeber H.P. Karr. »Wenn nichts mehr geht, dann ist 'Schicht im Schacht'«, erklärt Krimi-Fachmann H.P. Karr, der schon im vergangenen Jahr eine erfolgreiche Revierkrimi-Sammlung veröffentlichte. »In den neuen Kurzkrimis gibt es noch mehr Spannung und noch mehr Lokalkolorit und Anspielungen auf Reviertypisches.« Wie etwa das Hattinger Aphoristiker-Treffen oder die Goldbach-Afffäre in den Achtzigern. "Das sind alles Krimis, die nur hier im Revier spielen können!", fasst Karr zusammen.
Unter dem Motto »Maloche, Macker und Moneten« bietet "Schicht im Schacht" Mordgeschichten von hart bis zart, und natürlich auch mit  dem revier-typischen Humor, der den Ruhrgebietskrimi so populär gemacht hat.